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 G.W.F.Hegel                                                                                                                hegeleliforp03Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse   (1830)

β. Natürliche Veränderungen

§ 396

An der Seele als Individuum bestimmt, sind die Unterschiede als Veränderungen an ihm, dem in ihnen beharrenden einen Subjekte, und als Entwicklungsmomente desselben. Da sie in einem physische und geistige Unterschiede sind, so wäre für deren konkretere Bestimmung oder Beschreibung die Kenntnis des gebildeten Geistes zu antizipieren.
Sie sind 1. der natürliche Verlauf der Lebensalter, von dem Kinde an, dem in sich eingehüllten Geiste, - durch den entwickelten Gegensatz, die Spannung einer selbst noch subjektiven Allgemeinheit (Ideale, Einbildungen, Sollen, Hoffnungen usf.) gegen die unmittelbare Einzelheit, d. i. gegen die vorhandene, denselben nicht angemessene Welt, und die Stellung des auf der anderen Seite noch unselbständigen und in sich unfertigen Individuums in seinem Dasein zu derselben (Jüngling), - zu dem wahrhaften Verhältnis, der Anerkennung der objektiven Notwendigkeit und Vernünftigkeit der bereits vorhandenen, fertigen Welt, an deren sich an und für sich vollbringendem Werke das Individuum seiner Tätigkeit eine Bewährung und Anteil verschafft, dadurch etwas ist, wirkliche Gegenwart und objektiven Wert hat (Mann),
- bis zur Vollbringung der Einheit mit dieser Objektivität, welche Einheit als reell in die Untätigkeit abstumpfender Gewohnheit übergeht, als ideell die Freiheit von den beschränkten Interessen und Verwicklungen der äußerlichen Gegenwart gewinnt (Greis).

Zusatz. Indem die zuerst vollkommen allgemeine Seele auf die von uns angegebene Weise sich besondert und zuletzt zur Einzelheit, zur Individualität sich bestimmt, so tritt sie in den Gegensatz gegen ihre innere Allgemeinheit, gegen ihre Substanz.
Dieser Widerspruch der unmittelbaren Einzelheit und der in derselben an sich vorhandenen substantiellen Allgemeinheit begründet den Lebensprozeß der individuellen Seele - einen Prozeß, durch welchen deren unmittelbare Einzelheit dem Allgemeinen entsprechend gemacht, dieses in jener verwirklicht und so die erste, einfache Einheit der Seele mit sich zu einer durch den Gegensatz vermittelten Einheit erhoben, die zuerst abstrakte Allgemeinheit der Seele zur konkreten Allgemeinheit entwickelt wird.
Dieser Entwicklungsprozeß ist die Bildung.
Schon das bloß animalisch Lebendige stellt auf seine Weise jenen Prozeß an sich dar.
Aber wie wir früher gesehen haben, hat dasselbe nicht die Macht, wahrhaft die Gattung in sich zu verwirklichen; seine unmittelbare, seiende, abstrakte Einzelheit bleibt immer im Widerspruche mit seiner Gattung, schließt dieselbe nicht weniger von sich aus als in sich ein. Durch diese seine Unfähigkeit zur vollkommenen Darstellung der Gattung geht das nur Lebendige zugrunde. Die Gattung erweist sich an ihm als eine Macht, vor welcher dasselbe verschwinden muß.
Im Tode des Individuums kommt daher die Gattung nur zu einer Verwirklichung, die ebenso abstrakt wie die Einzelheit des bloß Lebendigen ist und dieselbe ebenso ausschließt, wie die Gattung von der lebendigen Einzelheit ausgeschlossen bleibt. - Wahrhaft verwirklicht sich dagegen die Gattung im Geiste, im Denken, diesem ihr homogenen Elemente.
Im Anthropologischen aber hat diese Verwirklichung, da dieselbe am natürlichen individuellen Geiste stattfindet, noch die Weise der Natürlichkeit. Sie fällt deshalb in die Zeit. So entsteht eine Reihe von unterschiedenen Zuständen, welche das Individuum als solches durchläuft, - eine Folge von Unterschieden, die nicht mehr die Festigkeit der in den verschiedenen Menschenrassen und in den Nationalgeistern herrschenden unmittelbaren Unterschiede des allgemeinen Naturgeistes haben, sondern an einem und demselben Individuum als fließende, als ineinander übergehende Formen erscheinen.
Diese Folge von unterschiedenen Zuständen ist die Reihe der Lebensalter.
Dieselbe beginnt mit der unmittelbaren, noch unterschiedslosen Einheit der Gattung und der Individualität,
mit dem abstrakten Entstehen der unmittelbaren Einzelheit, mit der Geburt des Individuums, und endigt mit der Einbildung der Gattung in die Einzelheit oder dieser in jene, mit dem Siege der Gattung über die Einzelheit, mit der abstrakten Negation der letzteren, - mit dem Tode.
Was am Lebendigen als solchem die Gattung ist, das ist am Geistigen die Vernünftigkeit; denn die Gattung hat schon die dem Vernünftigen zukommende Bestimmung der inneren Allgemeinheit.
In dieser Einheit der Gattung und des Vernünftigen liegt der Grund, daß die im Verlauf der Lebensalter hervortretenden geistigen Erscheinungen den in diesem Verlauf sich entwickelnden physischen Veränderungen des Individuums entsprechen.
Die Übereinstimmung des Geistigen und Physischen ist hier eine bestimmtere als bei den Rassenverschiedenheiten, wo wir es nur mit den allgemeinen festen Unterschieden des Naturgeistes und mit ebenso festen physischen Unterschieden der Menschen zu tun haben, während hier die bestimmten Veränderungen der individuellen Seele und ihrer Leiblichkeit zu betrachten sind.
Man darf aber andererseits nicht so weit gehen, in der physiologischen Entwicklung des Individuums das markierte Gegenbild der geistigen Entfaltung desselben zu suchen; denn in der letzteren hat der sich darin hervortuende Gegensatz und die aus demselben zu erzeugende Einheit eine viel höhere Bedeutung als im Physiologischen.
Der Geist offenbart hier seine Unabhängigkeit von seiner Leiblichkeit dadurch, daß er sich früher als diese entwickeln kann. Häufig haben Kinder eine geistige Entwicklung gezeigt, welche ihrer körperlichen Ausbildung weit vorangeeilt war. Vornehmlich ist dies bei entschiedenen künstlerischen Talenten, namentlich bei musikalischen Genies der Fall gewesen. Auch in bezug auf leichtes Auffassen von mancherlei Kenntnissen, besonders im mathematischen Fache, sowie in bezug auf ein verständiges Räsonnement sogar über sittliche und religiöse Gegenstände, hat sich solche Frühreife nicht selten gezeigt. Im allgemeinen muß jedoch zugestanden werden, daß der Verstand nicht vor den Jahren kommt. Fast nur bei den künstlerischen Talenten hat die Frühzeitigkeit ihrer Erscheinung eine Vorzüglichkeit angekündigt. Dagegen ist die bei manchen Kindern sich zeigende vorzeitige Entwicklung der Intelligenz überhaupt in der Regel nicht der Keim eines im Mannesalter zu großer Ausgezeichnetheit gelangenden Geistes gewesen.
Der Entwicklungsprozeß des natürlichen menschlichen Individuums zerfällt nun in eine Reihe von Prozessen, deren Verschiedenheit auf dem verschiedenen Verhältnis des Individuums zur Gattung beruht und den Unterschied des Kindes, des Mannes und des Greises begründet. Diese Unterschiede sind Darstellungen der Unterschiede des Begriffs.
Daher ist das Kindesalter die Zeit der natürlichen Harmonie, des Friedens des Subjekts mit sich und mit der Welt, - der ebenso gegensatzlose Anfang, wie das Greisenalter das gegensatzlose Ende ist.
Die im Kindesalter etwa hervortretenden Gegensätze bleiben ohne tieferes Interesse.
Das Kind lebt in Unschuld, ohne dauernden Schmerz, in Liebe zu den Eltern und im Gefühl, von ihnen geliebt zu sein. Diese unmittelbare, daher ungeistige, bloß natürliche Einheit des Individuums mit seiner Gattung und mit der Welt überhaupt muß aufgehoben werden; das Individuum muß dazu fortschreiten, sich dem Allgemeinen, als der an und für sich seienden, fertigen und bestehenden Sache, gegenüberzustellen, sich in seiner Selbständigkeit zu erfassen. - Zunächst aber tritt diese Selbständigkeit, dieser Gegensatz in einer ebenso einseitigen Gestalt auf wie im Kinde die Einheit des Subjektiven und Objektiven.
Der Jüngling löst die in der Welt verwirklichte Idee auf die Weise auf, daß er sich selber die zur Natur der Idee gehörende Bestimmung des Substantiellen, das Wahre und Gute, der Welt dagegen die Bestimmung des Zufälligen, Akzidentellen zuschreibt. Bei diesem unwahren Gegensatze darf nicht stehengeblieben werden; der Jüngling hat sich vielmehr über denselben zu der Einsicht zu erheben, daß im Gegenteil die Welt als das Substantielle, das Individuum hingegen nur als ein Akzidens zu betrachten ist, - daß daher der Mensch nur in der fest ihm gegenüberstehenden, selbständig ihren Lauf verfolgenden Welt seine wesentliche Betätigung und Befriedigung finden kann und daß er sich deshalb die für die Sache nötige Geschicklichkeit verschaffen muß.
- Auf diesen Standpunkt gelangt, ist der Jüngling zum Manne geworden. In sich selber fertig, betrachtet der Mann auch die sittliche Weltordnung als eine nicht erst von ihm hervorzubringende, sondern als eine im Wesentlichen fertige. So ist er für, nicht gegen die Sache tätig, hat für, nicht gegen die Sache ein Interesse, steht somit, über die einseitige Subjektivität des Jünglings erhaben, auf dem Standpunkt der objektiven Geistigkeit.
- Das Greisenalter dagegen ist der Rückgang zur Interesselosigkeit an der Sache; der Greis hat sich in die Sache hineingelebt und gibt eben wegen dieser den Gegensatz verlierenden Einheit mit der Sache die interessevolle Tätigkeit für die letztere auf. - Den hiermit im allgemeinen angegebenen Unterschied der Lebensalter wollen wir jetzt näher bestimmen.
Das Kindesalter können wir wieder in drei oder, wenn wir das ungeborene, mit der Mutter identische Kind in den Kreis unserer Betrachtung ziehen wollen, in vier Stufen unterscheiden.
Das ungeborene Kind hat noch gar keine eigentliche Individualität, keine Individualität, die sich auf partikuläre Weise zu partikulären Objekten verhielte, die ein Äußerliches an einem bestimmten Punkte ihres Organismus einzöge. Das Leben des ungeborenen Kindes gleicht dem Leben der Pflanze. Wie diese keine sich unterbrechende Intussuszeption, sondern eine kontinuierlich strömende Ernährung hat, so ernährt sich auch das Kind zuerst durch ein fortdauerndes Saugen und besitzt noch kein sich unterbrechendes Atmen.
Indem das Kind aus diesem vegetativen Zustande, in welchem es sich im Mutterleibe befindet, zur Welt gebracht wird, geht dasselbe zur animalischen Weise des Lebens über. Die Geburt ist daher ein ungeheurer Sprung. Durch denselben kommt das Kind aus dem Zustande eines völlig gegensatzlosen Lebens in den Zustand der Absonderung, - in das Verhältnis zu Licht und Luft und in ein immer mehr sich entwickelndes Verhältnis zu vereinzelter Gegenständlichkeit überhaupt und namentlich zu vereinzelter Nahrung.
Die erste Weise, wie das Kind sich zu einem Selbständigen konstituiert, ist das Atmen, - das die elementarische Strömung unterbrechende Einziehen und Ausstoßen der Luft an einem einzelnen Punkte seines Leibes. Schon gleich nach der Geburt des Kindes zeigt sich dessen Körper fast vollständig organisiert; nur einzelnes ändert sich an demselben, so z. B. schließt sich erst später das sogenannte foramen ovale. Die Hauptveränderung des Körpers des Kindes besteht im Wachsen.
In bezug auf diese Veränderung haben wir kaum nötig, daran zu erinnern, daß beim animalischen Leben überhaupt - im Gegensatze gegen das vegetabilische Leben - das Wachsen kein Außersichkommen, kein über sich Hinausgerissenwerden, kein Hervorbringen neuer Gebilde, sondern nur eine Entwicklung des Organismus ist und einen bloß quantitativen, formellen Unterschied hervorbringt, welcher sich sowohl auf den Grad der Stärke wie auf die Extension bezieht. Ebensowenig brauchen wir hier (was schon in der Naturphilosophie an gehöriger Stelle geschehen) weitläufig auseinanderzusetzen, daß jenes der Pflanze fehlende, erst im tierischen Organismus zustandekommende Fertigsein der Leiblichkeit, diese Zurückführung aller Glieder zur negativen, einfachen Einheit des Lebens der Grund des im Tiere, also auch im Kinde, entstehenden Selbstgefühles ist. Dagegen haben wir hier hervorzuheben, daß im Menschen der tierische Organismus zu seiner vollkommensten Form gelangt. Selbst das vollendetste Tier vermag nicht, diesen fein organisierten, unendlich bildsamen Körper aufzuzeigen, den wir schon an dem eben geborenen Kinde erblicken. Zunächst erscheint indes das Kind in einer weit größeren Abhängigkeit und Bedürftigkeit als die Tiere.
Doch offenbart sich seine höhere Natur auch bereits hierbei. Das Bedürfnis kündigt sich in ihm sogleich ungebärdig, tobend, gebieterisch an. Während das Tier stumm ist oder nur durch Stöhnen seinen Schmerz ausdrückt, äußert das Kind das Gefühl seiner Bedürfnisse durch Schreien. Durch diese ideelle Tätigkeit zeigt sich das Kind sogleich von der Gewißheit durchdrungen, daß es von der Außenwelt die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu fordern ein Recht habe, - daß die Selbständigkeit der Außenwelt gegen den Menschen eine nichtige sei.
Was nun die geistige Entwicklung des Kindes in diesem ersten Stadium seines Lebens betrifft, so kann man sagen, daß der Mensch nie mehr lerne als in dieser Zeit. Das Kind macht sich hier mit allen Spezifikationen des Sinnlichen allmählich vertraut. Die Außenwelt wird ihm hier ein Wirkliches. Es schreitet von der Empfindung zur Anschauung fort. Zunächst hat das Kind nur eine Empfindung vom Lichte, durch welches ihm die Dinge manifestiert werden. Diese bloße Empfindung verleitet das Kind, nach dem Entfernten als nach einem Nahen zu greifen. Durch den Sinn des Gefühls orientiert sich aber das Kind über die Entfernungen. So gelangt es zum Augenmaß, wirft es überhaupt das Äußere aus sich hinaus.
Auch daß die Außendinge Widerstand leisten, lernt das Kind in diesem Alter.
Der Übergang vom Kindes- zum Knabenalter ist darein zu setzen, daß sich die Tätigkeit des Kindes gegen die Außenwelt entwickelt, - daß dasselbe, indem es zum Gefühl der Wirklichkeit der Außenwelt gelangt, selbst zu einem wirklichen Menschen zu werden und sich als solchen zu fühlen beginnt, damit aber in die praktische Tendenz, sich in jener Wirklichkeit zu versuchen, übergeht. Zu diesem praktischen Verhalten wird das Kind dadurch befähigt, daß es Zähne bekommt, stehen, gehen und sprechen lernt.
Das erste, was hier gelernt werden muß, ist das Aufrechtstehen. Dasselbe ist dem Menschen eigentümlich und kann nur durch seinen Willen hervorgebracht werden; der Mensch steht nur, insofern er stehen will; wir fallen zusammen, sowie wir nicht mehr stehen wollen; das Stehen ist daher die Gewohnheit des Willens zum Stehen. Ein noch freieres Verhältnis zur Außenwelt erhält der Mensch durch das Gehen; durch dasselbe hebt er das Außereinander des Raumes auf und gibt sich selber seinen Ort.
Die Sprache aber befähigt den Menschen, die Dinge als allgemeine aufzufassen, zum Bewußtsein seiner eigenen Allgemeinheit, zum Aussprechen des Ich zu gelangen.
Dies Erfassen seiner Ichheit ist ein höchst wichtiger Punkt in der geistigen Entwicklung des Kindes; mit diesem Punkt beginnt dasselbe, aus seinem Versenktsein in die Außenwelt sich in sich zu reflektieren. Zunächst äußert sich diese beginnende Selbständigkeit dadurch, daß das Kind mit den sinnlichen Dingen spielen lernt.
Das Vernünftigste aber, was die Kinder mit ihrem Spielzeug machen können, ist, daß sie dasselbe zerbrechen.
Indem das Kind vom Spielen zum Ernst des Lernens übergeht, wird es zum Knaben.
In dieser Zeit fangen die Kinder an, neugierig zu werden, besonders nach Geschichten; es ist ihnen um Vorstellungen zu tun, die sich ihnen nicht unmittelbar darbieten.
Die Hauptsache aber ist hier das in ihnen erwachende Gefühl daß sie noch nicht sind, was sie sein sollen, - und der lebendige Wunsch, zu werden, wie die Erwachsenen sind, in deren Umgebung sie leben.
Daraus entsteht die Nachahmungssucht der Kinder. Während das Gefühl der unmittelbaren Einheit mit den Eltern die geistige Muttermilch ist, durch deren Einsaugung die Kinder gedeihen, zieht das eigene Bedürfnis der letzteren, groß zu werden, dieselben groß. Dies eigene Streben der Kinder nach Erziehung ist das immanente Moment aller Erziehung. Da aber der Knabe noch auf dem Standpunkt der Unmittelbarkeit steht, erscheint ihm das Höhere, zu welchem er sich erheben soll, nicht in der Form der Allgemeinheit oder der Sache, sondern in der Gestalt eines Gegebenen, eines Einzelnen, einer Autorität. Es ist dieser und jener Mann, welcher das Ideal bildet, das der Knabe zu erkennen und nachzuahmen strebt; nur in dieser konkreten Weise schaut auf diesem Standpunkt das Kind sein eigenes Wesen an. Was der Knabe lernen soll, muß ihm daher auf- und mit Autorität gegeben werden; er hat das Gefühl, daß dies Gegebene gegen ihn ein Höheres ist. Dies Gefühl ist bei der Erziehung sorgfältig festzuhalten.
Deshalb muß man für eine völlige Verkehrtheit die spielende Pädagogik erklären, die das Ernste als Spiel an die Kinder gebracht wissen will und an die Erzieher die Forderung macht, sich zu dem kindischen Sinne der Schüler herunterzulassen, anstatt diese zum Ernste der Sache heraufzuheben. Diese spielende Erziehung kann für das ganze Leben des Knaben die Folge haben, daß er alles mit verächtlichem Sinne betrachtet. Solch trauriges Resultat kann auch durch ein von unverständigen Pädagogen empfohlenes beständiges Aufreizen der Kinder zum Räsonieren herbeigeführt werden;
dadurch erhalten diese leicht etwas Naseweises.
Allerdings muß das eigene Denken der Kinder geweckt werden; aber man darf die Würde der Sache ihrem unreifen, eitlen Verstande nicht preisgeben.
Was näher die eine Seite der Erziehung, die Zucht, betrifft, so ist dem Knaben nicht zu gestatten, daß er sich seinem eigenen Belieben hingebe; er muß gehorchen, um gebieten zu lernen. Der Gehorsam ist der Anfang aller Weisheit; denn durch denselben läßt der das Wahre, das Objektive noch nicht erkennende und zu seinem Zwecke machende, deshalb noch nicht wahrhaft selbständige und freie, vielmehr unfertige Wille den von außen an ihn kommenden vernünftigen Willen in sich gelten und macht diesen nach und nach zu dem seinigen. Erlaubt man dagegen den Kindern zu tun, was ihnen beliebt, begeht man noch obenein die Torheit, ihnen Gründe für ihre Beliebigkeiten an die Hand zu geben, so verfällt man in die schlechteste Weise der Erziehung, so entsteht in den Kindern ein beklagenswertes Sicheinhausen in besonderes Belieben, in absonderliche Gescheitheit, in selbstsüchtiges Interesse, - die Wurzel alles Bösen.
Von Natur ist das Kind weder böse noch gut, da es anfänglich weder vom Guten noch vom Bösen eine Erkenntnis hat. Diese unwissende Unschuld für ein Ideal zu halten und zu ihr sich zurückzusehnen, würde läppisch sein; dieselbe ist ohne Wert und von kurzer Dauer. Bald tut sich im Kinde der Eigenwille und das Böse hervor. Dieser Eigenwille muß durch die Zucht gebrochen, - dieser Keim des Bösen durch dieselbe vernichtet werden.
In bezug auf die andere Seite der Erziehung, den Unterricht, ist zu bemerken, daß derselbe vernünftigerweise mit dem Abstraktesten beginnt, das vom kindlichen Geiste gefaßt werden kann.
Dies sind die Buchstaben. Dieselben setzen eine Abstraktion voraus, zu welcher ganze Völker, zum Beispiel sogar die Chinesen nicht gekommen sind. Die Sprache überhaupt ist dies luftige Element, dies Sinnlich-Unsinnliche, durch dessen sich erweiternde Kenntnis der Geist des Kindes immer mehr über das Sinnliche, Einzelne zum Allgemeinen, zum Denken erhoben wird. Dies Befähigtwerden zum Denken ist der größte Nutzen des ersten Unterrichts. Der Knabe kommt jedoch nur zum vorstellenden Denken; die Welt ist nur für seine Vorstellung; er lernt die Beschaffenheiten der Dinge, wird mit den Verhältnissen der natürlichen und geistigen Welt bekannt, interessiert sich für die Sachen, erkennt indes die Welt noch nicht in ihrem inneren Zusammenhange. Zu dieser Erkenntnis kommt erst der Mann. Aber ein unvollkommenes Verständnis des Natürlichen und Geistigen kann dem Knaben nicht abgesprochen werden. Man muß daher als einen Irrtum die Behauptung bezeichnen, der Knabe verstehe noch gar nichts von Religion und von Recht, man habe ihn deshalb mit diesen Gegenständen nicht zu behelligen, müsse ihm überhaupt nicht Vorstellungen aufdrängen, sondern ihm eigene Erfahrungen verschaffen und sich damit begnügen, ihn von dem sinnlich Gegenwärtigen erregt werden zu lassen. Schon das Altertum hat den Kindern nicht lange beim Sinnlichen zu verweilen gestattet. Der moderne Geist aber enthält eine noch ganz andere Erhebung über das Sinnliche, eine viel größere Vertiefung in seine Innerlichkeit als der antike Geist. Die übersinnliche Welt muß daher jetzt schon früh der Vorstellung des Knaben nahegebracht werden.
Dies geschieht durch die Schule in weit höherem Grade als in der Familie. In der letzteren gilt das Kind in seiner unmittelbaren Einzelheit, wird geliebt, sein Betragen mag gut oder schlecht sein.
In der Schule dagegen verliert die Unmittelbarkeit des Kindes ihre Geltung; hier wird dasselbe nur insofern geachtet, als es Wert hat, als es etwas leistet; hier wird es nicht mehr bloß geliebt, sondern nach allgemeinen Bestimmungen kritisiert und gerichtet, nach festen Regeln durch die Unterrichtsgegenstände gebildet, überhaupt einer allgemeinen Ordnung unterworfen, welche vieles an sich Unschuldige verbietet, weil nicht gestattet werden kann, daß alle dies tun.
So bildet die Schule den Übergang aus der Familie in die bürgerliche Gesellschaft. Zu dieser hat jedoch der Knabe nur erst ein unbestimmtes Verhältnis; sein Interesse teilt sich noch zwischen Lernen und Spielen.
Zum Jüngling reift der Knabe, indem beim Eintritt der Pubertät das Leben der Gattung in ihm sich zu regen und Befriedigung zu suchen beginnt. Der Jüngling wendet sich überhaupt dem substantiellen Allgemeinen zu; sein Ideal erscheint ihm nicht mehr, wie dem Knaben, in der Person eines Mannes, sondern wird von ihm als ein von solcher Einzelheit unabhängiges Allgemeines aufgefaßt.
Dies Ideal hat aber im Jüngling noch eine mehr oder weniger subjektive Gestalt, möge dasselbe als Ideal der Liebe und der Freundschaft oder eines allgemeinen Weltzustandes in ihm leben. In dieser Subjektivität des substantiellen Inhalts solchen Ideals liegt nicht nur dessen Gegensatz gegen die vorhandene Welt, sondern auch der Trieb, durch Verwirklichung des Ideals diesen Gegensatz aufzuheben.
Der Inhalt des Ideals flößt dem Jüngling das Gefühl der Tatkraft ein; daher wähnt dieser sich berufen und befähigt, die Welt umzugestalten oder wenigstens die ihm aus den Fugen gekommen scheinende Welt wieder einzurichten. Daß das in seinem Ideal enthaltene substantielle Allgemeine, seinem Wesen nach, in der Welt bereits zur Entwicklung und Verwirklichung gelangt ist, wird vom schwärmenden Geiste des Jünglings nicht eingesehen. Ihm scheint die Verwirklichung jenes Allgemeinen ein Abfall von demselben.
Deshalb fühlt er sowohl sein Ideal als seine eigene Persönlichkeit von der Welt nicht anerkannt.
So wird der Friede, in welchem das Kind mit der Welt lebt, vom Jüngling gebrochen.
Wegen dieser Richtung auf das Ideale hat die Jugend den Schein eines edleren Sinnes und größerer Uneigennützigkeit, als sich in dem für seine besonderen, zeitlichen Interessen sorgenden Manne zeigt. Dagegen muß aber bemerklich gemacht werden, daß der Mann nicht mehr in seinen besonderen Trieben und subjektiven Ansichten befangen und nur mit seiner persönlichen Ausbildung beschäftigt ist, sondern sich in die Vernunft der Wirklichkeit versenkt hat und für die Welt tätig sich erweist.
Zu diesem Ziele kommt der Jüngling notwendig. Sein unmittelbarer Zweck ist der, sich zu bilden, um sich zur Verwirklichung seiner Ideale zu befähigen. In dem Versuch dieser Verwirklichung wird er zum Manne.
Anfangs kann dem Jünglinge der Übergang aus seinem idealen Leben in die bürgerliche Gesellschaft als ein schmerzhafter Übergang ins Philisterleben erscheinen. Bis dahin nur mit allgemeinen Gegenständen beschäftigt und bloß für sich selber arbeitend, soll der zum Manne werdende Jüngling, indem er ins praktische Leben tritt, für andere tätig sein und sich mit Einzelheiten befassen.
So sehr dies nun in der Natur der Sache liegt - da, wenn gehandelt werden soll, zum Einzelnen fortgegangen werden muß -, so kann dem Menschen die beginnende Beschäftigung mit Einzelheiten doch sehr peinlich sein und die Unmöglichkeit einer unmittelbaren Verwirklichung seiner Ideale ihn hypochondrisch machen. Dieser Hypochondrie, wie unscheinbar sie auch bei vielen sein mag, entgeht nicht leicht jemand. Je später der Mensch von ihr befallen wird, desto bedenklicher sind ihre Symptome.
Bei schwachen Naturen kann sich dieselbe durch das ganze Leben hindurchziehen. In dieser krankhaften Stimmung will der Mensch seine Subjektivität nicht aufgeben, vermag den Widerwillen gegen die Wirklichkeit nicht zu überwinden und befindet sich eben dadurch in dem Zustande relativer Unfähigkeit, die leicht zu einer wirklichen Unfähigkeit wird. Will daher der Mensch nicht untergehen, so muß er die Welt als eine selbständige, im wesentlichen fertige anerkennen, die von derselben ihm gestellten Bedingungen annehmen und ihrer Sprödigkeit dasjenige abringen, was er für sich selber haben will.
Zu dieser Fügsamkeit glaubt sich der Mensch in der Regel nur aus Not verstehen zu müssen.
In Wahrheit aber muß diese Einheit mit der Welt nicht als ein Verhältnis der Not, sondern als das vernünftige Verhältnis erkannt werden. Das Vernünftige, Göttliche besitzt die absolute Macht, sich zu verwirklichen, und hat sich von jeher vollbracht, es ist nicht so ohnmächtig, daß es erst auf den Beginn seiner Verwirklichung warten müßte. Die Welt ist diese Verwirklichung der göttlichen Vernunft; nur auf ihrer Oberfläche herrscht das Spiel vernunftloser Zufälle. Sie kann daher wenigstens mit ebensoviel und wohl noch mit größerem Rechte als das zum Manne werdende Individuum die Prätention machen, für fertig und selbständig zu gelten, und der Mann handelt deshalb ganz vernünftig, indem er den Plan einer gänzlichen Umgestaltung der Welt aufgibt und seine persönlichen Zwecke, Leidenschaften und Interessen nur in seiner Anschließung an die Welt zu verwirklichen strebt. Auch so bleibt ihm Raum zu ehrenvoller, weitgreifender und schöpferischer Tätigkeit übrig. Denn obgleich die Welt als im wesentlichen fertig anerkannt werden muß, so ist sie doch kein Totes, kein absolut Ruhendes, sondern, wie der Lebensprozeß, ein sich immer von neuem Hervorbringendes, ein - indem es sich nur erhält - zugleich Fortschreitendes.
In dieser erhaltenden Hervorbringung und Weiterführung der Welt besteht die Arbeit des Mannes.
Wir können daher einerseits sagen, daß der Mann nur das hervorbringt, was schon da ist.
Andererseits muß jedoch durch seine Tätigkeit auch ein Fortschritt bewirkt werden. Aber das Fortrücken der Welt geschieht nur in ungeheuren Massen und fällt erst in einer großen Summe des Hervorgebrachten auf.
Wenn der Mann nach fünfzigjähriger Arbeit auf seine Vergangenheit zurückblickt, wird er das Fortschreiten schon erkennen. Diese Erkenntnis sowie die Einsicht in die Vernünftigkeit der Welt befreit ihn von der Trauer über die Zerstörung seiner Ideale. Was in diesen Idealen wahr ist, erhält sich in der praktischen Tätigkeit; nur das Unwahre, die leeren Abstraktionen muß sich der Mann abarbeiten.
Der Umfang und die Art seines Geschäfts kann sehr verschieden sein; aber das Substantielle ist in allen menschlichen Geschäften dasselbe, - nämlich das Rechtliche, das Sittliche und das Religiöse.
Die Menschen können daher in allen Sphären ihrer praktischen Tätigkeit Befriedigung und Ehre finden,
wenn sie überall dasjenige leisten, was in der besonderen Sphäre, welcher sie durch Zufall, äußerliche Notwendigkeit oder freie Wahl angehören, mit Recht von ihnen gefordert wird. Dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß die Bildung des zum Manne werdenden Jünglings vollendet sei, daß derselbe ausstudiert habe, und zweitens, daß er sich entschließe, selber für seine Subsistenz dadurch zu sorgen, daß er für andere tätig zu werden beginnt.
Die bloße Bildung macht ihn noch nicht zu einem vollkommen fertigen Menschen; dies wird er erst durch die eigene verständige Sorge für seine zeitlichen Interessen; gleichwie auch Völker erst dann als mündig erscheinen, wenn sie es dahin gebracht haben, von der Wahrnehmung ihrer materiellen und geistigen Interessen nicht durch eine sogenannte väterliche Regierung ausgeschlossen zu sein.
Indem nun der Mann ins praktische Leben übergeht, kann er wohl über den Zustand der Welt verdrießlich und grämlich sein und die Hoffnung auf ein Besserwerden desselben verlieren; trotz dessen haust er sich aber in die objektiven Verhältnisse ein und lebt in der Gewohnheit an dieselben und an seine Geschäfte.
Die Gegenstände, mit welchen er sich zu beschäftigen hat, sind zwar einzelne, wechselnde, in ihrer Eigentümlichkeit mehr oder weniger neue. Zugleich aber haben diese Einzelheiten ein Allgemeines, eine Regel, etwas Gesetzmäßiges in sich. Je länger der Mann nun in seinem Geschäfte tätig ist, desto mehr hebt sich ihm dies Allgemeine aus allen Besonderheiten heraus. Dadurch kommt er dahin, in seinem Fache völlig zu Hause zu sein, sich in seine Bestimmung vollkommen einzuleben. Das Wesentliche in allen Gegenständen seines Geschäfts ist ihm dann ganz geläufig und nur das Individuelle, Unwesentliche kann mitunter etwas für ihn Neues enthalten. Gerade dadurch aber, daß seine Tätigkeit seinem Geschäfte so vollkommen gemäß geworden ist, daß dieselbe an ihren Objekten keinen Widerstand mehr findet, - gerade durch dies vollendete Ausgebildetsein seiner Tätigkeit erlischt die Lebendigkeit derselben; denn zugleich mit dem Gegensatze des Subjekts und des Objekts verschwindet das Interesse des ersteren an dem letzteren.
So wird der Mann durch die Gewohnheit des geistigen Lebens ebenso wie durch das Sichabstumpfen der Tätigkeit seines physischen Organismus zum Greise.
Der Greis lebt ohne bestimmtes Interesse, da er die Hoffnung, früher gehegte Ideale verwirklichen zu können, aufgegeben hat und ihm die Zukunft überhaupt nichts Neues zu versprechen scheint, er vielmehr von allem, was ihm etwa noch begegnen mag, schon das Allgemeine, Wesentliche zu kennen glaubt.
So ist der Sinn des Greises nur diesem Allgemeinen und der Vergangenheit zugewendet, welcher er die Erkenntnis dieses Allgemeinen verdankt. Indem er aber so in der Erinnerung an das Vergangene und an das Substantielle lebt, verliert er für das Einzelne der Gegenwart und für das Willkürliche, zum Beispiel für die Namen, das Gedächtnis ebensosehr, wie er umgekehrt die weisen Lehren der Erfahrung in seinem Geiste festhält und Jüngeren zu predigen sich für verpflichtet hält. Diese Weisheit aber, dies leblose vollkommene Zusammengegangensein der subjektiven Tätigkeit mit ihrer Welt, führt zur gegensatzlosen Kindheit nicht weniger zurück als die zur prozeßlosen Gewohnheit gewordene Tätigkeit seines physischen Organismus zur abstrakten Negation der lebendigen Einzelheit, - zum Tode fortgeht.
So schließt sich der Verlauf der Lebensalter des Menschen zu einer durch den Begriff bestimmten Totalität von Veränderungen ab, die durch den Prozeß der Gattung mit der Einzelheit hervorgebracht werden.
Wie bei der Schilderung der Rassenverschiedenheiten der Menschen und bei der Charakterisierung des Nationalgeistes haben wir auch, um von dem Verlauf der Lebensalter des menschlichen Individuums auf eine bestimmte Weise sprechen zu können, die Kenntnis des in der Anthropologie noch nicht zu betrachtenden konkreten Geistes (da derselbe in jenen Entwicklungsprozeß eingeht) antizipieren und von dieser Kenntnis für die Unterscheidung der verschiedenen Stufen jenes Prozesses Gebrauch machen müssen.

§ 397

2. Das Moment des reellen Gegensatzes des Individuums gegen sich selbst, so daß es sich in einem anderen Individuum sucht und findet; - das Geschlechtsverhältnis, ein Naturunterschied einerseits der Subjektivität, die mit sich einig in der Empfindung der Sittlichkeit, Liebe usf. bleibt, nicht zum Extreme des Allgemeinen in Zwecken, Staat, Wissenschaft, 10/86 Kunst usf. fortgeht, andererseits der Tätigkeit, die sich in sich zum Gegensatze allgemeiner, objektiver Interessen gegen die vorhandene, seine eigene und die äußerlich-weltliche Existenz spannt und jene in dieser zu einer erst hervorgebrachten Einheit verwirklicht. Das Geschlechtsverhältnis erlangt in der Familie seine geistige und sittliche Bedeutung und Bestimmung.

§ 398

3. Das Unterscheiden der Individualität als für sich seiender gegen sich als nur seiender, als unmittelbares Urteil, ist das Erwachen der Seele, welches ihrem in sich verschlossenen Naturleben zunächst als Naturbestimmtheit und Zustand einem Zustande, dem Schlafe, gegenübertritt.
- Das Erwachen ist nicht nur für uns oder äußerlich vom Schlafe unterschieden; es selbst ist das Urteil der individuellen Seele, deren Fürsichsein für sie die Beziehung dieser ihrer Bestimmung auf ihr Sein, das Unterscheiden ihrer selbst von ihrer noch ununterschiedenen Allgemeinheit ist.
In das Wachsein fällt überhaupt alle selbstbewußte und vernünftige Tätigkeit des für sich seienden Unterscheidens des Geistes.
- Der Schlaf ist Bekräftigung dieser Tätigkeit nicht als bloß negative Ruhe von derselben, sondern als Rückkehr aus der Welt der Bestimmtheiten, aus der Zerstreuung und dem Festwerden in den Einzelheiten in das allgemeine Wesen der Subjektivität, welches die Substanz jener Bestimmtheiten und deren absolute Macht ist.

Der Unterschied von Schlaf und Wachen pflegt zu einer der Vexierfragen, wie man sie nennen könnte, an die Philosophie gemacht zu werden (auch Napoleon richtete bei einem Besuch der Universität zu Pavia diese Frage an die Klasse der Ideologie).
Die im § angegebene Bestimmtheit ist abstrakt, insofern sie zunächst das Erwachen als natürliches betrifft, worin das geistige allerdings implizit enthalten, aber noch nicht als Dasein gesetzt ist.
Wenn konkreter von diesem Unterschiede, der in seiner Grundbestimmung derselbe bleibt, gesprochen werden sollte, so müßte das Fürsichsein der individuellen Seele schon bestimmt als Ich des Bewußtseins und als verständiger Geist genommen werden. Die Schwierigkeit, welche man dem Unterscheiden jener beiden Zustände erregt, entsteht eigentlich erst, insofern man das Träumen im Schlafe hinzunimmt und dann die Vorstellungen des wachen, besonnenen Bewußtseins auch nur als Vorstellungen, was die Träume gleichfalls seien, bestimmt. In dieser oberflächlichen Bestimmung von Vorstellungen kommen freilich beide Zustände überein, d. h. es wird damit über den Unterschied derselben hinweggesehen; und bei jeder angegebenen Unterscheidung des wachen Bewußtseins läßt sich zu der trivialen Bemerkung, daß dies doch auch nur Vorstellungen enthalte, zurückkehren.
- Aber das Fürsichsein der wachen Seele, konkret aufgefaßt, ist Bewußtsein und Verstand,
und die Welt des verständigen Bewußtseins ist ganz etwas anderes als ein Gemälde von bloßen Vorstellungen und Bildern. Diese letzteren als solche hängen vornehmlich äußerlich, nach den sogenannten Gesetzen der sogenannten Ideenassoziation, auf unverständige Weise zusammen, wobei sich freilich auch hier und da Kategorien einmischen können. Im Wachen aber verhält sich wesentlich der Mensch als konkretes Ich, als Verstand; durch diesen steht die Anschauung vor ihm als konkrete Totalität von Bestimmungen, in welcher jedes Glied, jeder Punkt seine durch und mit allen anderen zugleich bestimmte Stelle einnimmt.
So hat der Inhalt seine Bewährung nicht durch das bloße subjektive Vorstellen und Unterscheiden des Inhalts als eines Äußeren von der Person, sondern durch den konkreten Zusammenhang, in welchem jeder Teil mit allen Teilen dieses Komplexes steht. Das Wachen ist das konkrete Bewußtsein dieser gegenseitigen Bestätigung jedes einzelnen Momentes seines Inhalts durch alle übrigen des Gemäldes der Anschauung.
Dies Bewußtsein hat dabei nicht nötig, deutlich entwickelt zu sein, aber diese umfassende Bestimmtheit ist im konkreten Selbstgefühl enthalten und vorhanden.
- Um den Unterschied von Träumen und Wachen zu erkennen, braucht man nur den Kantischen Unterschied der Objektivität der Vorstellung (ihres Bestimmtseins durch Kategorien) von der Subjektivität derselben überhaupt vor Augen zu haben; zugleich muß man wissen, was soeben bemerkt worden, daß, was im Geiste wirklich vorhanden ist, darum nicht auf explizite Weise in seinem Bewußtsein gesetzt zu sein nötig hat, sowenig als etwa die Erhebung des fühlenden Geistes zu Gott in Form der Beweise vom Dasein Gottes vor dem Bewußtsein zu stehen nötig hat, ungeachtet, wie früher auseinandergesetzt worden, diese Beweise ganz nur den Gehalt und Inhalt jenes Gefühls ausdrücken.

Zusatz. Durch das Erwachen tritt die natürliche Seele des menschlichen Individuums zu ihrer Substanz in ein Verhältnis, das als die Wahrheit, als die Einheit der beiden Beziehungen betrachtet werden muß, welche einerseits in der den Verlauf der Lebensalter hervorbringenden Entwicklung, andererseits im Geschlechtsverhältnis zwischen der Einzelheit und der substantiellen Allgemeinheit oder der Gattung des Menschen stattfinden. Denn während in jenem Verlauf die Seele als das beharrende eine Subjekt erscheint, die an ihr hervortretenden Unterschiede aber nur Veränderungen, folglich nur fließende, nicht bestehende Unterschiede sind, und während dagegen im Geschlechtsverhältnis das Individuum zu einem festen Unterschiede, zum reellen Gegensatze gegen sich selber kommt und die Beziehung des Individuums auf die an ihm selber tätige Gattung zu einer Beziehung auf ein Individuum entgegengesetzten Geschlechtes sich entwickelt, - während also dort die einfache Einheit, hier der feste Gegensatz vorherrscht, sehen wir in der erwachenden Seele eine nicht bloß einfache, vielmehr eine durch den Gegensatz vermittelte Beziehung der Seele auf sich, in diesem Fürsichsein der Seele aber den Unterschied weder als einen so fließenden wie im Verlauf der Lebensalter noch als einen so festen wie im Geschlechtsverhältnis, sondern als den an einem und demselben Individuum sich hervorbringenden dauernden Wechsel der Zustände des Schlafens und Wachens.
Die Notwendigkeit des dialektischen Fortgangs vom Geschlechtsverhältnis zum Erwachen der Seele liegt aber näher darin, daß, indem jedes der zueinander in geschlechtlicher Beziehung stehenden Individuen kraft ihrer an sich seienden Einheit in dem anderen sich selber wiederfindet, die Seele aus ihrem Ansichsein zum Fürsichsein, das heißt eben aus ihrem Schlaf zum Erwachen gelangt.
Was im Geschlechtsverhältnis an zwei Individuen verteilt ist - nämlich eine mit ihrer Substanz in unmittelbarer Einheit bleibende und eine in den Gegensatz gegen diese Substanz eingehende Subjektivität -, das ist in der erwachenden Seele vereinigt, hat somit die Festigkeit seines Gegensatzes verloren und jene Flüssigkeit des Unterschieds erhalten, durch welche dasselbe zu bloßen Zuständen wird.
Der Schlaf ist der Zustand des Versunkenseins der Seele in ihre unterschiedslose Einheit, das Wachen dagegen der Zustand des Eingegangenseins der Seele in den Gegensatz gegen diese einfache Einheit.
Das Naturleben des Geistes hat hier noch sein Bestehen; denn obgleich die erste Unmittelbarkeit der Seele bereits aufgehoben und nun zu einem bloßen Zustande herabgesetzt ist, so erscheint doch das durch die Negation jener Unmittelbarkeit zustandegekommene Fürsichsein der Seele gleichfalls noch in der Gestalt eines bloßen Zustandes. Das Fürsichsein, die Subjektivität der Seele ist noch nicht mit ihrer an sich seienden Substantialität zusammengefaßt; beide Bestimmungen erscheinen noch als einander ausschließende, sich abwechselnde Zustände.
Allerdings fällt in das Wachsein die wahrhaft geistige Tätigkeit - der Wille und die Intelligenz.
In dieser konkreten Bedeutung haben wir jedoch das Wachsein hier noch nicht zu betrachten, sondern nur als Zustand, folglich als etwas vom Willen und von der Intelligenz wesentlich Unterschiedenes.
Daß aber der in seiner Wahrheit als reine Tätigkeit zu fassende Geist die Zustände des Schlafens und Wachens an sich hat, rührt davon her, daß derselbe auch Seele ist und als Seele sich zu der Form eines Natürlichen, eines Unmittelbaren, eines Leidenden herabsetzt. In dieser Gestalt erleidet der Geist nur sein Fürsichwerden.
Man kann daher sagen, das Erwachen werde dadurch bewirkt, daß der Blitz der Subjektivität die Form der Unmittelbarkeit des Geistes durchschlage. Zwar kann sich der freie Geist auch zum Erwachen bestimmen; hier in der Anthropologie betrachten wir aber das Erwachen nur insofern, als es ein Geschehen, und zwar dies noch ganz unbestimmte Geschehen ist, daß der Geist sich selber und eine ihm gegenüberstehende Welt überhaupt findet, - ein Sichfinden, das zunächst nur zur Empfindung fortschreitet, aber von der konkreten Bestimmung der Intelligenz und des Willens noch weit entfernt bleibt.
Daß die Seele, indem sie erwacht, sich und die Welt - diese Zweiheit, diesen Gegensatz - bloß findet,
darin besteht eben hier die Natürlichkeit des Geistes.
Die im Erwachen erfolgende Unterscheidung der Seele von sich selbst und von der Welt hängt nun, wegen ihrer Natürlichkeit, mit einem physikalischen Unterschiede, nämlich mit dem Wechsel von Tag und Nacht zusammen. Es ist natürlich für den Menschen bei Tage zu wachen und bei Nacht zu schlafen, denn wie der Schlaf der Zustand der Ununterschiedenheit der Seele ist, so verdunkelt die Nacht den Unterschied der Dinge, und wie das Erwachen das Sich-von-sich-selber-Unterscheiden der Seele darstellt, so läßt das Licht des Tages die Unterschiede der Dinge hervortreten.
Aber nicht nur in der physikalischen Natur, sondern auch im menschlichen Organismus findet sich ein Unterschied, welcher dem Unterschiede des Schlafens und Wachens der Seele entspricht. Am animalischen Organismus ist wesentlich die Seite seines Insichbleibens von der Seite seines Gerichtetseins gegen Anderes zu unterscheiden. Bichat hat die erstere Seite das organische Leben, die letztere das animalische Leben genannt.*) Zum organischen Leben rechnet er das Reproduktionssystem: die Verdauung, den Blutumlauf, die Transpiration, das Atmen. Dies Leben dauert im Schlafe fort; es endigt nur mit dem Tode.
Das animalische Leben dagegen, zu welchem nach Bichat das System der Sensibilität und der Irritabilität,
die Tätigkeit der Nerven und Muskeln gehört, dies theoretische und praktische Nach-außen-Gerichtetsein hört im Schlafe auf, weshalb schon die Alten den Schlaf und den Tod als Brüder dargestellt haben.
Die einzige Weise, wie sich der animalische Organismus im Schlafe noch auf die Außenwelt bezieht, ist das Atmen, dies ganz abstrakte Verhältnis zum unterschiedslosen Elemente der Luft. Zur partikularisierten Äußerlichkeit hingegen steht der gesunde Organismus des Menschen im Schlafe in keiner Beziehung mehr. Wenn daher der Mensch im Schlafe nach außen tätig wird, so ist er krank. Dies findet bei den Schlafwandlern statt. Dieselben bewegen sich mit der größten Sicherheit, einige haben Briefe geschrieben und gesiegelt. Doch ist im Schlafwandeln der Sinn des Gesichts paralysiert, das Auge in einem kataleptischen Zustande.
In demjenigen, was Bichat das animalische Leben nennt, herrscht also ein Wechsel von Ruhe und Tätigkeit, somit wie im Wachen ein Gegensatz, während das in jenen Wechsel nicht eingehende organische Leben der im Schlafe vorhandenen Unterschiedslosigkeit der Seele entspricht.
Außer jenem Unterschied der Tätigkeit des Organismus ist aber auch in der Gestaltung der Organe des inneren und des nach außen gerichteten Lebens ein dem Unterschied des Schlafens und des Wachens gemäßer Unterschied zu bemerken. Die äußeren Organe, die Augen, die Ohren, sowie die Extremitäten,
die Hände und die Füße, sind symmetrisch verdoppelt und, beiläufig gesagt, durch diese Symmetrie fähig, Gegenstand der Kunst zu werden. Die inneren Organe dagegen zeigen entweder gar keine oder wenigstens nur eine unsymmetrische Verdoppelung. Wir haben nur einen Magen. Unsere Lunge hat zwar zwei Flügel, wie das Herz zwei Kammern hat; aber sowohl das Herz wie die Lunge enthalten auch schon die Beziehung des Organismus auf ein Entgegengesetztes, auf die Außenwelt. Zudem sind weder die Lungenflügel noch die Herzkammern so symmetrisch wie die äußeren Organe.
Was den geistigen Unterschied des Wachens vom Schlafen betrifft, so kann außer dem in obigem Paragraphen darüber Gesagten noch folgendes bemerkt werden. Wir haben den Schlaf als denjenigen Zustand bestimmt, in welchem die Seele sich weder in sich selbst noch von der Außenwelt unterscheidet. Diese an und für sich notwendige Bestimmung wird durch die Erfahrung bestätigt. Denn wenn unsere Seele immer nur ein und dasselbe empfindet oder sich vorstellt, wird sie schläfrig. So kann die einförmige Bewegung des Wiegens, eintöniges Singen, das Gemurmel eines Baches Schläfrigkeit in uns hervorbringen. Dieselbe Wirkung entsteht durch die Faselei, durch unzusammenhängende, gehaltlose Erzählungen.
Unser Geist fühlt sich nur dann vollkommen wach, wenn ihm etwas Interessantes, etwas zugleich Neues und Gehaltvolles, etwas verständig in sich Unterschiedenes und Zusammenhängendes geboten wird;
denn in solchem Gegenstande findet er sich selber wieder. Zur Lebendigkeit des Wachseins gehört also der Gegensatz und die Einheit des Geistes mit dem Gegenstande. Findet dagegen der Geist in dem Anderen die in sich unterschiedene Totalität, welche er selber ist, nicht wieder, so zieht er sich von dieser Gegenständlichkeit in seine unterschiedslose Einheit mit sich zurück, langweilt sich und schläft ein.
- In dem eben Bemerkten ist aber schon enthalten, daß nicht der Geist überhaupt, sondern bestimmter das verständige und das vernünftige Denken durch den Gegenstand in Spannung gesetzt werden muß, wenn das Wachsein in der ganzen Schärfe seiner Unterschiedenheit vom Schlafe und vom Träumen vorhanden sein soll. Wir können uns im Wachen, wenn wir das Wort im abstrakten Sinne nehmen, sehr langweilen; und umgekehrt ist es möglich, daß wir uns im Traume lebhaft für etwas interessieren. Aber im Traume ist es nur unser vorstellendes, nicht unser verständiges Denken, dessen Interesse erregt wird.
Ebensowenig aber wie die unbestimmte Vorstellung des Sich-Interessierens für die Gegenstände zur Unterscheidung des Wachens vom Träumen hinreicht, kann auch die Bestimmung der Klarheit für jene Unterscheidung genügend erscheinen.
Denn erstlich ist diese Bestimmung nur eine quantitative; sie drückt nur die Unmittelbarkeit der Anschauung, folglich nicht das Wahrhafte aus; dies haben wir erst vor uns, wenn wir uns überzeugen, daß das Angeschaute eine vernünftige Totalität in sich ist. Und zweitens wissen wir sehr wohl, daß das Träumen sich nicht einmal immer als das Unklarere vom Wachen unterscheidet, sondern im Gegenteil oft, namentlich bei Krankheiten und bei Schwärmern, klarer ist als das Wachen.
Endlich würde auch dadurch keine genügende Unterscheidung gegeben werden, daß man ganz unbestimmt sagte, nur im Wachen denke der Mensch. Denn das Denken überhaupt gehört so sehr zur Natur des Menschen, daß derselbe immer, auch im Schlafe, denkt. In allen Formen des Geistes - im Gefühl,
in der Anschauung, wie in der Vorstellung - bleibt das Denken die Grundlage.
Dasselbe wird daher, insofern es diese unbestimmte Grundlage ist, von dem Wechsel des Schlafens und des Wachens nicht berührt, macht hier nicht ausschließlich eine Seite der Veränderung aus, sondern steht als die ganz allgemeine Tätigkeit über beiden Seiten dieses Wechsels.
Anders verhält sich hingegen die Sache in bezug auf das Denken, insofern dasselbe als eine unterschiedene Form der geistigen Tätigkeit den anderen Formen des Geistes gegenübertritt.
In diesem Sinne hört das Denken im Schlafe und im Traume auf.
Verstand und Vernunft, die Weisen des eigentlichen Denkens, sind nur im Wachen tätig.
Erst im Verstande hat die der erwachenden Seele zukommende abstrakte Bestimmung des Sichselbstunterscheidens vom Natürlichen, von ihrer unterschiedslosen Substanz und von der Außenwelt, ihre intensive, konkrete Bedeutung, da der Verstand das unendliche Insichsein ist, welches sich zur Totalität entwickelt und eben dadurch sich von der Einzelheit der Außenwelt freigemacht hat.
Wenn aber das Ich in sich selber frei ist, macht es auch die Gegenstände von seiner Subjektivität unabhängig, betrachtet es dieselben gleichfalls als Totalitäten und als Glieder einer sie alle umfassenden Totalität.
Am Äußerlichen ist nun die Totalität nicht als freie Idee, sondern als Zusammenhang der Notwendigkeit. Dieser objektive Zusammenhang ist dasjenige, wodurch sich die Vorstellungen, die wir im Wachen haben, wesentlich von denen unterscheiden, die im Traume entstehen. Begegnet mir daher im Wachen etwas, dessen Zusammenhang mit dem übrigen Zustande der Außenwelt ich noch nicht zu entdecken vermag, so kann ich fragen: wache ich oder träume ich? Im Traume verhalten wir uns nur vorstellend; da werden unsere Vorstellungen nicht von den Kategorien des Verstandes beherrscht. Das bloße Vorstellen reißt aber die Dinge aus ihrem konkreten Zusammenhange völlig heraus, vereinzelt dieselben.
Daher fließt im Traume alles auseinander, durchkreuzt sich in wilder Unordnung, verlieren die Gegenstände allen notwendigen, objektiven, verständigen, vernünftigen Zusammenhang und kommen nur in eine ganz oberflächliche, zufällige, subjektive Verbindung. So geschieht es, daß wir etwas, das wir im Schlafe hören, in einen ganz anderen Zusammenhang bringen, als dasselbe in der Wirklichkeit hat. Man hört z. B. eine Tür stark zuschlagen, glaubt, es sei ein Schuß gefallen, und malt sich nun eine Räubergeschichte aus. Oder man empfindet im Schlaf auf der Brust einen Druck und erklärt sich denselben durch den Alp.
Das Entstehen solcher falschen Vorstellungen im Schlafe ist deshalb möglich, weil in diesem Zustande der Geist nicht die für sich seiende Totalität ist, mit welcher derselbe im Wachen alle seine Empfindungen, Anschauungen und Vorstellungen vergleicht, um aus der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der einzelnen Empfindungen, Anschauungen und Vorstellungen mit seiner für sich seienden Totalität die Objektivität oder Nichtobjektivität jenes Inhalts zu erkennen. Auch wachend kann zwar der Mensch sich in der Faselei ganz leeren, subjektiven Vorstellungen überlassen; wenn er aber den Verstand nicht verloren hat, weiß er zugleich, daß diese Vorstellungen nur Vorstellungen sind, weil sie mit seiner präsenten Totalität in Widerspruch stehen.
Bloß hier und da findet sich im Traume einiges, das einen ziemlichen Zusammenhang mit der Wirklichkeit hat. Namentlich gilt dies von den Träumen vor Mitternacht; in diesen können die Vorstellungen noch einigermaßen von der Wirklichkeit, mit welcher wir uns am Tage beschäftigt haben, in Ordnung zusammengehalten werden. Um Mitternacht ist, wie die Diebe sehr gut wissen, der Schlaf am festesten;
da hat sich die Seele von aller Spannung gegen die Außenwelt in sich zurückgezogen. Nach Mitternacht werden die Träume noch willkürlicher als vorher. Mitunter fühlen wir jedoch im Traume etwas voraus, das wir in der Zerstreuung des wachenden Bewußtseins nicht bemerken. So kann schweres Blut im Menschen das bestimmte Gefühl einer Krankheit erregen, von welcher er im Wachen noch gar nichts geahnt hat. Ebenso kann man durch den Geruch eines schwelenden Körpers im Schlafe zu Träumen von Feuersbrünsten angeregt werden, die erst einige Tage nachher zum Ausbruch kommen und auf deren Vorzeichen wir im Wachen nicht geachtet haben.
Schließlich ist noch zu bemerken, daß das Wachen, als natürlicher Zustand, als eine natürliche Spannung der individuellen Seele gegen die Außenwelt, eine Grenze, ein Maß hat, daß daher die Tätigkeit des wachenden Geistes ermüdet und so den Schlaf herbeiführt, der seinerseits gleichfalls eine Grenze hat und zu seinem Gegenteil fortgehen muß. Dieser doppelte Übergang ist die Weise, wie in dieser Sphäre die Einheit der an sich seienden Substantialität der Seele mit deren für sich seiender Einzelheit zur Erscheinung kommt.

*) Marie François Xavier Bichat, Recherches physiologiques sur la vie et la mort (Paris 1800), 4. Aufl. 1822, S. 7 f.

 

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